Ein Reisebericht

Am 16. November ist es endlich soweit, nach langen und intensiven Vorbereitungen sind Frauke, meine charmante Assistentin, ohne die die Reise gar nicht möglich wäre, Charlie und meine Wenigkeit gen Süden aufgebrochen. Auf zum "joint symposium" der "Historic Brass Society" im

"Conservatoire national supérieur musique et danse"

in Lyon. Unser Wohnmobil beladen mit 30 Instrumenten für eine Ausstellung dort wird zum ersten Mal im Winter getestet werden. Hund Charlie und auch Fahrer und Beifahrerin sind gespannt auf das Abenteuer.

Nach einem Zwischenstopp in Müllheim an der französischen Grenze sind wir am Montag Nachmittag in Lyon angekommen und haben eingecheckt auf einem wirklich schönen und komfortablen Platz.

Am Mittwoch gegen 10.00 sind wir zum Conservatoire gefahren. Nachdem wir es nicht geschafft hatten einen Parkplatz für das Mobil zu reservieren, sind wir ein bisschen beunruhigt, die Instrumente eventuell durch die halbe Stadt tragen zu müssen. Also greifen wir den Stier bei den Hörnern, und nachdem Frauke einfach den im Zugang störenden Pylon weggeräumt hat, stehen wir schon halb im Durchgang, als der Torwärter ganz verdutzt fragt, was wir denn da wohl vorhätten. Nachdem wir ihm die Situation erklärt hatten und ihm unser "offizielles" Fahrzeug gezeigt hatten, war er sehr hilfsbereit und wir sind dort dann einfach stehengeblieben. Damit war das größte Problem gelöst. Wieder einmal hat sich die alte Weisheit bewahrheitet:"Es ist besser sich anschließend zu erklären als vorher zu fragen." Alle Angestellten des Conservatoire waren sehr freundlich und Arienne hat uns alles gezeigt und uns rumgeführt.

Das Eingangstor zum Conservatoire

Der "Parkplatz"

Zum Mittagessen gingen wir mit Jean-François Madeuf, Jean-Daniel Souchon und Sandy Coffin ins

Am Nachmittag war dann Probe für unser Quartett-Konzert. Helen Barsby, mit der ich schon seit vielen Jahren musiziere, und ich hatten ein Programm mit dem Titel "40 Jahre Kaiser-Cornet-Quartett" zusammengestellt, das wir mit zwei Kolleg-innen spielen würden, die sich freundlicherweise bereit erklärt hatten, einzuspringen für erkrankte Musiker. Beth Mitchell, freiberufliche Musikerin, internationale Solistin und  außerordentliche Professorin für Tuba und Euphonium aus Los Angeles gab ihr Debüt am Bass-Cornet. Wir lernten uns an diesem Tag kennen und sie hatte sichtlich Spass daran, ein so altes und besonderes Instrument spielen zu dürfen. Jean-François Madeuf, der selbst am Conservatoire unterrichtet und ein anerkannter Spezialist vor allem für die Naturtrompete ist, spielte das Tenor-Cornet als hätte er nie etwas anderes gemacht. Jean-François hatte ich 4 Wochen vorher kennengelernt im Trompetenmuseum in Bad Säckingen, wo ich zum 40 jährigen Jubiläum ein Konzert spielen durfte und er mit seinen Studenten den Festakt gestaltet hat.

Beth Mitchell

Jean-François Madeuf

Am Abend hatte ich eine weitere Probe mit dem wunderbaren Pianisten Arthur Schoonderwoerd. Davor habe ich noch die Gelegenheit genutzt, Vince DiMartino und Clément Saunier beim Proben zuzuschauen; schließlich gibt es ja immer etwas zu lernen, wenn andere proben.

Arthur Schoonderwoerd, Vince DiMartino, Clément Saunier

Erster Tag

Sandy Coffin

Entspannt konnte ich den ersten Tag geniessen, ich mußte nur ab 8 Uhr morgens 30 Instrumente, zwei Kisten mit Büchern und Noten, ein Kistchen mit Mundstücken und diverse Kartons mit CDs aufbauen, wobei mir Frauke und Baptiste (vom Conservatoire) eine unglaublich große Hilfe waren.


Nachdem Sandy Coffin die einleitenden Worte gesprochen hatte, ging es dann in medias res.


Xavier Canin referierte über sein gerade erst erschienenes Buch

zu Jean-Baptiste Arban, das ich mir dann gleich auch gekauft habe.

(Mit Widmung natürlich).

Elisa Koehler

Es folgte Elisa Koehler mit einer Zusammenfassung dessen, was uns erwarten würde:

Die große Geburtstagsfeier für 200 Jahre

Jean-Baptiste Arban und Julius Kosleck.

Man muss an dieser Stelle den beiden Damen ein sehr grosses Lob aussprechen für ihren Einsatz mit Freude, Power und Humor für die Sache und für die Historic Brass Society.

Da bin ich doch gerne mit meinen bescheidenen Beiträgen dabei

Leider konnte ich nicht alles hören, da ich ja auch die Ausstellung beaufsichtigen mußte, aber bei Stanley Curtis war ich dann wieder dabei zum Thema: Französische Cornet-Literatur von 1840-1860. Sehr interessant, hatte ich doch Joseph Forestiers Fantasie Brillante lange im Programm, gespielt auf einem Lecomte Cornet in G.

Warren Apple, Stanley Curtis

Cornet á Pistons

Arsène Zoé Lecomte 1818-1892

Paris ca. 1860

Die nächsten Sessions konnte ich auch nur mit einem Auge und Ohr verfolgen, weil es in der Ausstellung voll wurde.

Aber es gab auch hier tolle Gespräche mit vielen interessierten Musikern und auch Liebhabern dieser Instrumente.

Beim Konzert war ich natürlich wieder dabei. Leider konnte Friedemann Immer nicht teilnehmen, so dass es ein paar Umstellungen gab. Es gab wunderbare Beiträge von Stanley Curtis und Robert Apple auf Klappenhorn und Klappentrompete gefolgt von Vince DiMartinos Version des Adagio et grande Polonaise von Georges Kastner.

Zum Abschluss des ersten Teils noch ein hübsches Duett, wie es die Herren Arban und Koenig gespielt haben.

Hier gesellte sich Clément Saunier dazu, am Piano begleitete der großartige Arthur Schoonderwoerd.

In der zweiten Hälfte folgte dann ein fulminanter Auftritt des "Fanfaren-Ensembles" unter der Leitung seines Chefs Jean-François Madeuf, der hierfür vom grande bugle in Es im Quartett auf den petit bugle in Es umstieg. Stilsicher, sehr musikalisch und mit bestechender Präzision wurden Stücke von Fessy, Mendelssohn, Verdi, Girard, Demersseman und Jonas musiziert.

Welch ein furioses Finale für einen anstrengenden aber hochinteressanten ersten Tag.

Fanfaren-Ensemble

Arthur Schoonderwoerd,

Vince DiMartino, Clément Saunier

Jean-François Madeuf  Fanfaren-Ensemble

Anschließend dann die einzige und deshalb auch General-Probe für das morgige Abschlusskonzert. Zum ersten Mal sind meine Instrumente live auf der Bühne zu hören, was natürlich eine besondere Freude ist; sonst schauen sie mich ja nur von der Wand an. Mikael und Hjalmar an den Cerveny Tenorhörnern; Beth am geliebten Bass-Kornett, Jean-François, Sandy und Alice +unbekannt an den Alt-Kornetten und Hörnern; an den B-Kornetten Tiago, Stephen, T.J., neben mir Christer und Robert und an den Es-Sopranos Elisa und Gustav. Dazu kommen noch die Fanfaren von Jean-Daniel, Jérôme und Jean-Charles. An den Pauken Jason, und alles unter der Leitung von Helen.


Was für eine Kapelle!



Zweiter Tag

Der zweite Tag dreht sich vor allem um Julius Kosleck mit dem "Keynote Speaker" Willi Budde. Keynote "Schlüsselnote", das waren in meinem Studium vor etwa 40 Jahren die erste Note im Haydn-Konzert und das hohe Es im selben Konzert. Heute aber 1 Stunde Vortrag, glücklicherweise sind 20 Minuten Musik dabei. Aber zunächst einmal geht das Gas aus. Brav hat das Auto bis hierher treu seine Dienste geleistet und den Wintertest bestanden.

Ohne Gas gibt es keinen Kaffee oder Tee, also muss ich raus und die Gasflasche auswechseln. Das fängt ja gut an.

Glücklicherweise leistet Arthur, der gerade ankommt mentalen Beistand.

Nach einem kurzen "Power-Warm-Up" geht es dann los. 

Ich beginne mit einer Begrüßung auf französisch. Danach-Stille- Oh je, denke ich, das wird was werden-aber vielleicht ist das auch so Sitte hier oder die Leute sind noch müde. Prompt habe ich vergessen, den Text vor meinem ersten Musik-Beitrag zu lesen. Na ja, dann halt hinterher. Das erste Stück, die" Post im Walde" ist echtes Repertoire, das könnte ich auch spielen, wenn man mich Nachts um 3 anriefe. Dazu kamen noch Koslecks "Concert Fantasie". Beide Stücke sind auf meiner CD "Nicht Für Jeden" zu finden. "O du mein holder Abendstern" und "Gruß an die Waldesrose" sind auf Helens CD "Auf den Spuren von Julius Kosleck" verewigt.

Jetzt dann doch viel und freundlicher Applaus, na also. Besonders die Kosleckschen Zitate aus seinen persönlichen Erinnerungen haben es dem Publikum angetan. Am Besten kommt an: "Habt ihr schon einmal einen Engel mit Fagott gesehen, die spielen doch alle Trompete." Der Vortrag läuft gut und ich bekomme viel Applaus und anschließend nur positive Kritik.


Man kann meine Ausführungen detaillierter und mit vielen Bildern und Klangbeispielen nachlesen auf

 brassunlimited.de " 200 Jahre Kosleck"


Meine 4 Instrumente haben brav durchgehalten, Arthur hat super begleitet und ich hatte unglaublich viel Spass, hier zu musizieren.

Die Post im Walde

O du mein holder Abendstern

Gruss an die Waldesrose

Es folgte ein interessanter Vortrag von Helen Barsby über die große Schule für Cornet à Piston und Trompete von Kosleck. Ihre Ausgabe habe ich mir sofort besorgt, mal sehen wieviel besser ich mit Hilfe dieser Schule noch werden kann.

Ein weiterer Höhepunkt des Symposions war dann der Auftritt des Sextet Prins Carl von den Livgardets

dragonmusikkår aus Stockhollm. Perfektes Zusammenspiel in ungewöhnlicher Besetzung ( Es-Kornett, B Kornett, Althorn in Es, Basscornet in Bb, Ventilposaune in B und Tuba. Zusammen mit Ann-Marie Nilsson wurde über die speziellen schwedischen Blechblasinstrumente (die den preussischen Einfluß nicht verleugnen können), die Instrumentierung und das Repertoire referiert.

Gustav Lundström, esskornett;   Christer Fredriksson, B-kornett;        Alice Palm, althorn;
Göran Christensen, bastuba;      Mikael Welin Vessberg, tenorhorn;  Hjalmar Ståhlberg, tenorbasun;

Ab 13.00 war ich wieder in meiner Ausstellung zu finden, um Rede und Antwort zu stehen für zahlreiche Fragen rund um die von mir mitgebrachten Instrumente aus Preussen.


Ab 14.45 gab es Gespräche am runden Tisch rund um die von den beiden Meistern verwendeten Instrumente und ihren Einfluss auf zukünftige Generationen von Kornettisten. Leider ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht allzuviel über Koslecks Jugend und seine Instrumente zu sagen. Zu seiner Militärzeit hat er sicherlich Signal-Horn und preussisches Kornett gespielt. Auch hat er mit seiner Bachtrompete experimentiert und ein Echo-Ventil patentieren lassen, 1878 hat Ernst Leberecht Paulus ein Kornett für ihn gebaut, aber viel mehr ist nicht bekannt. Da die Kunst des Kornett-Spielens in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in Deutschland quasi verschwunden ist, bleibt als Einfluss eigentlich nur die Methode von Schlossberg, einem Schüler Koslecks, der zumindest jedem amerikanischen Trompeter ein Begriff sein sollte.

 Eric Roefs

Das abendliche Konzert begann mit dem dienstjüngsten, genau einen Tag alten Ensemble,

das sich die Musik des "Kaiser-Cornet-Quartetts" auf die Fahne geschrieben hatte. Gemeinsam mit mir musizierten Helen, Jean-François und Beth. Das Programm reichte vom Festmarsch in der Originalinstrumentierung mit 2 B-Cornets in "Berliner Bauart" und Tenor- und Basscornet mit "Berliner Pumpen-Ventilen" über den Einsatz von Sopran-Cornet in Es (wie bei einigen Stücken von Kosleck vorgeschlagen), Engelstrompete (einer Nachentwicklung zur "Bachtrompete" Koslecks), Orchestertrompete in F (wie bei Ramsöe vorgeschrieben) bis hin zum "modernen" KCQ mit 2 Schediwy Kreuzkornetten und Tenor-und Basskornett in "Berliner Bauweise", hergestellt von Carl Wilhelm Moritz, der auch die Basstrompete für Wagners Ring der Nibelungen gefertigt hat. Es war mir eine große Freude, mit diesen sympathischen Vollprofis zu muszieren und hier noch einmal ein ganz herzlicher Dank an Jean-François

und Beth. Zum Abschluss unseres Konzertes konnte ich es mir dann doch nicht verkneifen, eines dieser

von George Bernard Shaw als "Staccato-Polkas und dergleichen Grausamkeiten... " bezeichneten Stückchen zu spielen, die "Teufelszunge". Mit viel Applaus durften wir die Bühne verlassen.

Reigen seliger Geister

Ramsöe Adagio

Quadricinum

Die Teufelszunge

Danach spielte das wunderbare Sextet Prins Carl von den Livgardets dragonmusikkår in Stockholm.

Auch hier musizierten Gustav, Christer, Alice, Hjalmar, Mikael und Göran wieder auf höchstem Niveau. Es ist wirklich eine Freude, diesen Musikern bei ihrem Tun zuzuschauen und zuzuhören.







































Zum Abschluss dann das Programm des Kosleckschen Bläserbundes unter der Leitung von Helen. Wieder sind meine gesammelten Tuten im Einsatz und alle haben sichtlich Freude daran auf ihnen zu spielen.

Es ist schon ein großartiger Sound mit dem großen Ensemble und den 4 Naturtrompeten plus Pauken.



















Ein würdiger und großartiger Abschluss von 2 Tagen voller historischer Blechbläsermusik mit interessanten Vorträgen (ein großer Dank an die Referenten) und tollen Konzerten.







Hier sind sicherlich neue Freundschaften enstanden und alte

gefestigt worden. Ich habe tolle Leute kennengelernt und

zwar nicht wie heute üblich per Mausclick, sondern ganz in

echt, mit Händedruck und so. Frauke, der ein ganz

besonderer Dank gebührt und ich sind sehr gerne ein Teil

dieses wunderbaren Ganzen gewesen und wir haben keine

Sekunde bereut. Mein besonderer Dank geht an die

Organisatoren, allen voran Sandy und Elisa, aber auch Sabine,

Jean-François und alle anderen, die mitgetan haben.

Als Gustav uns ein richtig schönes Buch mit Arrangements für Blechbläsersextett zeigt fällt mir ein, dass ich doch etwas vergessen habe. Ich habe Noten, die ganz ähnlich sind. Es sind 58 Stücke für Septett. Genau diese Besetzung + ein extra Cornet. (und ich hatte ja zufällig eins dabei). Die Noten stammen aus Berlin so gegen Ende des 19. Jahrhunderts und sind mir vor mehr als 50 Jahren von einem damals schon sehr alten Freund geschenkt worden.Das wäre was gewesen! - na ja, vielleicht beim nächsten Mal.

Stan und Willi

Beth und Göran

Gustav und Elisa

Jetzt muss noch abgebaut werden aber das ist kein Problem, alle fassen mit an und so verschwinden die

Instrumente innerhalb kurzer Zeit wieder im Auto. Es ist tatsächlich alles wieder eingeladen bis auf die Bücher und CDs die ich verkauft habe. Ich wünsche viel Spass beim Hören und Lesen. Wir ziehen noch

in ein gemütliches, alkoholfreies Restaurant (früher undenkbar bei Blechbläsern).

Bei leckerem Essen und netten Gesprächen lassen wir den Tag ausklingen.

Nach einer letzten Übernachtung im Wohnmobil geht es dann Richtung Heimat. Noch einmal durch den Bogen am Eingang des Conservatoire und nach einem letzten Blick auf das sehr gastfreundliche

Conservatoire national supérieur musique et danse LYON, France,

geht es dann los. Es hat zwar geschneit, doch die Straßen sind frei und nach 12 Stunden (plus 1 Stunde Power-Nap) sind wir dann wohlbehalten zu Hause angekommen.


Im Jura

Home Sweet Home

Und ausgepackt wird morgen

Es folgte ein interessanter Vortrag mit Shellack Musikbeispielen über das Programm des Kaiser-Cornet-Quartetts mit besonderm Schwerpunkt auf die Musik von Wilhelm Ramsöe. Referent ist Eric Roefs, den ich bei einem unserer Konzerte in Deutschland schon kennengelernt hatte und mit dem ich in regem Email-Austausch bin.





Sandy Coffin sprach dann über die Blechbläser-Szene im Paris der !830er bis 1860er

Jahre. Ein interessanter Einblick in die "Sociétés des artiste musicien et amateur".


In der Pause vor dem Konzert bin ich dann auf Autogrammjagd gegangen. Ich hatte einige Bücher aus meiner Sammlung dabei und jetzt habe ich Signaturen von:


Elisa Koehler                 "Fanfares and Finesse"

Arnold Myers                 " Historical Musical Instruments In The Royal                                                      Conservatoire Of Scotland"

Sabine Klaus                 "Trumpets And Other High Brass"

George Foreman           " Bands in American Musical History"

Xavier Canin                  "Jean-Babtiste Arban, Du Cornet à la Baguette"

Jean-François Madeuf   "Die Birckholtz-Trompete von 1650"